In schattenblaue Tiefe Waldbaden oder Ganghofer reloaded

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„Sein Bestes war seine Liebe zur Natur, und wie er sie kannte, wie er sie zu deuten wußte ….“

Dieses Zitat aus „Das Schweigen im Walde“ sagt in wenigen Worten, wofür wir noch heute Ganghofer hochschätzen können. Es täte uns gut, wenn wir uns daran erinnerten, an diese Liebe zur Natur. Fast ist sie uns abhanden gekommen.

Durch Ganghofers Wald zu gehen ähnelt einer Meditation, einem stillen Ritual – einer geheimen Zeremonie. Man fällt in Trance, beginnt, sich in der Tiefe zu spüren. Als wäre man wirklich in den Bergen unterwegs, ergreift einen die Stille des Walds. Plötzlich fängt man sie ein –  die Ruhe in der Welt.

Mehr noch, man kann sich nach solch empfundener Lektüre auf das Wagnis einlassen, einem verlorenen Urvertrauen zu Welt und Natur wieder nahe zu kommen in der Hoffnung, es wieder zurückzugewinnen -damit wäre auch eine religiöse Dimension berührt, eine spirituelle Sehnsucht gestillt. Ein schmaler Grat, ein stilles Bekenntnis. Aber ein verläßlicher Weg. Um wieviel mehr ist dies gegeben, wenn man im Wald, in den Bergen selbst, auf dem heute so genannten Adlerweg in seinem Revier Gaistal oder auch in Parks und Gärten seinen Spuren folgt.

Auch was die Japaner Shinrin-yoku nennen, das dort medizinisch betriebene gemeinsame „Waldbaden“, kann man anhand der Werke Ganghofers erleben. Mit ihrer Lektüre weiß man seine Wege durch Wälder und Berge noch ganz anders zu schätzen. Ein Erlebnis, das neu für die einen ist, vertraut, aber vor langer Zeit verloren bei den anderen. Erinnerungen steigen auf wie Nebelfetzen. Aus der Kindheit bei den einen, aus glücklichen Tagen bei den anderen.

Wie beim Waldbaden beschrieben, wird Natur zum Zustand, in dem man das Leben ringsum wieder spürt. Man findet seinen Atem wieder, schaut und fühlt. Natur ist keine Kulisse. Man gehört zu ihr, ist Teil von ihr und überlebt durch sie. Das Immunsystem wird gestärkt, man bewegt sich in einem organischem Raum, ist umgeben von Lebendigem, nicht von Stein, Beton und Stahl.

In den Wald als unberührtes und ursprüngliches Gebiet einzutauchen, unterzugehen oder sich in Zeit und Raum zu verlieren, ist nicht bedrohlich, es macht glücklich und wird zur Quelle einer Lebenserneuerung.

Von allen Schriftstellern und Heimatdichtern seiner Zeit war es gerade Ganghofer, der das Gefühl ansprach. Nicht Sentimentalität oder Rührung war sein Ziel. Echt, unverfälscht und authentisch sollte das Gefühl für jeden erlebbar und da sein dürfen.

Die Natur in den Bergen, das Naturerlebnis wird in seinen Romanen zur Quelle von Erneuerung und Wandlung. Sie ist sogar selbst Akteur. Die Menschen ringen nicht mehr mit der Natur, sie werden von ihr geleitet, korrigiert, mitunter erzogen. Und das bei dramatischer und extrem spannender Handlung.

Ganghofer schildert Verstrickungen und Schwächen, Irrwege, Fehlentscheidungen – und weist einen Weg. Ungewöhnlich einfühlsam, aber punktgenau. Jäger, der er war, traf er mitten ins Herz.

So fängt ein Roman an – im süffigsten Ganghofer-Sound

Der Tag begann.

Schon hatte der Himmel mattes Licht, in dem die erlöschenden Sterne nur noch wie Nadelspitzen sichtbar waren. In der Tiefe des langgestreckten, von Osten nach Westen ziehenden Tales lag noch die Nacht mit schwarzen Wäldern, und über den Bergen, die das Tal auf beiden Seiten geleiteten, hing noch die Dämmerung, deren Schleier alle Felsen in ein stilles Grau verschwimmen ließ.

Dieses gleiche Grau lag über dem weiten Almfeld der isolierten Bergmasse, die das lange Tal gegen Osten mit steinernem Riegel schloß, von den seitlichen Bergen durch enge Waldschluchten geschieden.

Mit dunklen Wellen hob sich das hügelige Almfeld gegen die Steinwände des Berges, der als steile Pyramide aus finsteren Wäldern stieg. Dieser Berg im Dämmerdunkel des Morgens sah anders aus als die anderen Berge. Er hob sich wie ein Geheimnis in die Lüfte, tiefschwarz, mit bläulichem Schimmer in dieser Schwärze. Über den Wipfelkämmen, die an seinen Flanken hinaufkletterten, hatte der Himmel roten Schein, und flimmernde Glutlinien umzogen das dunkle Haupt des Berges.

Im Gezweig einer alten Fichte, die sich schwarz inmitten des grauen Almfeldes erhob, begann eine Ringdrossel leise zu zwitschern. Das war eine schüchterne Frage: »Tag, du schöner, kommst du nun bald?« Ein Laut, als hätte eine Tür gegen hölzerne Balken geschlagen. Hochwild, das äsend über das Almfeld gezogen, wurde flüchtig. Nahe dem Waldsaum blieben die Tiere stehen und äugten gegen die Sennhütte hinunter, aus deren offener Tür ein rötlicher Feuerschein in die Dämmerung zitterte. Jetzt erlosch der Schein. Und die Hütte glich einem großen dunklen Felsblock.

Zwei Frauen waren aus der Tür getreten, im stillen Grau zwei graue Gestalten.

Aus: Ludwig Ganghofer, Der Hohe Schein